Ein Jubiläum zwischen Klangarchitektur und cineastischer Inszenierung
Die Lichtburg in Essen ist kein gewöhnlicher Konzertort. Das historische Kino aus dem Jahr 1928, heute mit 1250 Plätzen der größte Kinosaal Deutschlands und unter Denkmalschutz stehend, verleiht Veranstaltungen einen besonderen Flair. An diesem Abend wurde genau diese Kulisse zum idealen Rahmen für das 20-jährige Jubiläum von Long Distance Calling.
Schon vor Beginn lag eine gespannte Ruhe im Saal. Ein Sitzkonzert – und doch spürte man diese unterschwellige Erwartung, dieses kollektive Wissen, dass hier mehr passieren würde als bloßes Zuhören. Als das Licht erlosch, richtete sich die Aufmerksamkeit fast greifbar auf die Bühne.
Mit „Mare“ begann der erste Teil des Abends – „The Phantom Void“ in voller Länge. Eine Entscheidung, die sich als dramaturgisch konsequent erwies. Stück für Stück entfaltete sich das Album wie ein zusammenhängendes Werk, in dem Tracks wie „The Spiral“ oder „A Secret Place“ nicht für sich allein standen, sondern Teil eines größeren Spannungsbogens waren. Die Musik bekam Raum, sich zu entwickeln – und das Publikum ging diesen Weg konzentriert mit.
Visuell setzte die Band auf eine reduzierte, aber wirkungsvolle Inszenierung. Dichter Nebel lag über der Bühne, durchzogen von klar gesetzten Lichtkegeln in kühlen Blau- und warmen Goldtönen. Immer wieder standen die Musiker als Silhouetten im Raum, während hinter ihnen das Bandlogo projiziert wurde. Besonders das Schlagzeug im Gegenlicht entwickelte eine fast ikonische Präsenz – als würde sich dort der Puls des gesamten Abends bündeln.
Klanglich präsentierte sich das Konzert mit spürbarer Wucht. Der Sound war druckvoll, ohne an Klarheit zu verlieren. Gitarrenflächen bauten sich breit und tragend auf, während Bass und Schlagzeug ein Fundament legten, das körperlich erfahrbar wurde. Gerade in den dichteren Passagen – etwa bei „The Phantom Void“ oder „Shattered“ – blieb jedes Detail differenziert hörbar.
Nach der geschlossenen Albumperformance öffnete sich der zweite Teil des Abends stärker. Mit „Into the Black Wide Open“ begann eine Reise durch die Bandgeschichte. Stücke wie „Ductus“ oder „Black Paper Planes“ wurden vom Publikum aufmerksam aufgenommen – zunächst noch sitzend, fast andächtig, ganz in die Musik versunken.
Doch im Verlauf des Sets veränderte sich die Dynamik spürbar. Die Distanz zwischen Bühne und Publikum begann zu bröckeln, die Zurückhaltung wich einer wachsenden Beteiligung. Spätestens gegen Ende hielt es viele nicht mehr auf den Sitzen – ein leiser, aber deutlicher Wandel, der zeigte, wie sehr sich die Musik ihren Weg in den Raum gebahnt hatte.
Ein Höhepunkt war „Out There“, das sich langsam steigerte und schließlich in einem dichten, fast hypnotischen Finale aufging. Hier zeigte sich die Stärke der Band besonders deutlich: Geduld, Kontrolle und ein feines Gespür für Dramaturgie.
Mit „Metulsky Curse Revisited“ als Zugabe fand der Abend seinen Abschluss – ein Moment, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verband und das Jubiläum passend abrundete.
Fazit:
Das Konzert in der Lichtburg war mehr als eine Retrospektive. Es war eine sorgfältig gestaltete Reise durch 20 Jahre Bandgeschichte – getragen von einem kraftvollen Sound, einer stimmigen visuellen Ästhetik und einem Publikum, das sich erst still einließ und am Ende doch sichtbar mitging. Ein Abend, der seine Wirkung nicht über einzelne Höhepunkte definierte, sondern über seine geschlossene, fast cineastische Gesamtform.
Text & Foto: Marc Junge (majun.photo)
