Vom Open Air ins ausverkaufte E-Werk – Punk-Klassiker begeistern ein generationenübergreifendes Publikum
Eigentlich sollte der Abend unter freiem Himmel auf dem Open-Air-Gelände an der Kölner Südbrücke stattfinden. Doch weil der Vorverkauf hinter den Erwartungen zurückblieb, wurde das Konzert kurzerhand ins E-Werk verlegt. Eine Entscheidung, die sich letztlich als richtig erwies: Die traditionsreiche Konzerthalle war am 5. Juli 2026 nahezu ausverkauft und bot den passenden Rahmen für einen Abend, der ganz im Zeichen des Punk stand.
Den Auftakt übernahmen Slime und The Damned. Slime verpasste ich leider, sodass mein Konzertabend erst mit The Damned begann. Die britischen Punk-Veteranen lieferten einen überzeugenden Auftritt ab und bewiesen eindrucksvoll, dass Alter auf der Bühne nicht zwangsläufig Stillstand bedeutet. Im Gegenteil: Trotz des fortgeschrittenen Alters der Bandmitglieder war reichlich Bewegung auf der Bühne zu sehen. Mit Klassikern wie „Love Song“, „Machine Gun Etiquette“, „New Rose“, „Neat Neat Neat“ und dem abschließenden Stooges-Cover „I Feel Alright“ sorgten The Damned für einen gelungenen Einstieg und machten Lust auf den Hauptact.
Nach dem orchestralen Intro „God Save the Queen (Symphony)“ betraten schließlich die Sex Pistols gemeinsam mit Frank Carter die Bühne. Schnell wurde deutlich, dass Carter die Rolle des Frontmanns nicht nur ausfüllte, sondern den Abend entscheidend prägte. Während die übrigen Bandmitglieder ihre Songs eher routiniert und mit wenig Bewegung präsentierten, wirbelte Carter unermüdlich über die Bühne und verlieh den Klassikern eine frische Dynamik.
Musikalisch ließ die Band hingegen kaum Wünsche offen. Bereits mit „Holidays in the Sun“ und „Seventeen“ war das Publikum voll dabei. „Pretty Vacant“, „Bodies“ und natürlich „God Save the Queen“ wurden lautstark mitgesungen. Gerade diese kollektiven Gesangseinlagen verliehen dem Konzert eine besondere Atmosphäre. Man hatte das Gefühl, dass viele Besucher diese Songs seit Jahrzehnten begleiten und jede Zeile fest verinnerlicht haben.
Auch optisch war der Abend eine kleine Zeitreise. Im Publikum überwogen die älteren Semester, die den Geist der späten 1970er-Jahre sichtbar lebendig hielten. Karierte Hosen, Ketten und zahlreiche Sex-Pistols-Shirts bestimmten das Bild. Dazwischen waren auch einige Shirts von The Damned zu entdecken – ein schönes Zeichen dafür, dass viele Besucher nicht nur wegen des Hauptacts gekommen waren, sondern den britischen Punk in seiner ganzen Bandbreite feierten.
Im weiteren Verlauf reihten sich Klassiker wie „Liar“, „No Feelings“, „Problems“ und „E.M.I.“ aneinander. Bei „No Fun“ wurden die Bandmitglieder vorgestellt, bevor mit „My Way“ ein ungewöhnlicher, aber mittlerweile fester Bestandteil des Programms folgte. Den krönenden Abschluss bildete selbstverständlich „Anarchy in the U.K.“, bei dem das E-Werk ein letztes Mal lautstark mitsang und der Abend seinen passenden Schlusspunkt fand.
Die Sex Pistols mögen heute längst keine junge Band mehr sein, und das machte sich auch auf der Bühne bemerkbar. Abgesehen von Frank Carter blieb die Show optisch eher zurückhaltend. Doch genau hier zeigte sich auch die Stärke des Konzerts: Nicht spektakuläre Effekte oder große Gesten standen im Mittelpunkt, sondern Songs, die Musikgeschichte geschrieben haben. Das Publikum wusste das zu schätzen und verwandelte das E-Werk mit lautem Mitsingen in einen Chor aus mehreren Punk-Generationen.
So bleibt ein Abend in Erinnerung, der zwar aufgrund der kurzfristigen Verlegung unter anderen Vorzeichen begann als ursprünglich geplant, letztlich aber bewies, dass die Musik der Sex Pistols auch fast fünf Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat. Frank Carter brachte die nötige Frische auf die Bühne, die Band überzeugte musikalisch, und ein begeistertes Publikum machte den Abend zu einem würdigen Fest für eine der einflussreichsten Punkbands der Musikgeschichte.
Text: Marc Junge (majun.photo)
