Save The Core – Dieser Aufgabe stellte sich Nürnberg am 04.07.2026 im Rahmen des Stadionpark Open Air Sommers.
Was soll ich sagen? Der Name war Programm!
Das Line-up des Tages war abwechslungsreich – Nostalgie, Moshpits, Sonnenschein und eine Menge Staub. So oder so ähnlich möchte ich den Tag in wenigen Worten zusammenfassen.
Pünktlich um 12:30 Uhr eröffneten No Fun At All die Bühne und damit den Tag. Skate-Punk, der eine Menge „Fun At All“ verbreitete. Klar, der Opener hat es nie leicht, dennoch trotzten die Schweden ihrem Namen. Passend zur Mittagszeit, gut gestärkt und voller Vorfreude formten sich die ersten Circle-Pits – und diese sollten ein andauernder Begleiter bleiben. Die treibenden, schnellen und irgendwie gute Laune verbreitenden Punk-Beats waren für mich der Inbegriff des klassischen Tony-Hawk-Soundtracks. Für mich alles richtig gemacht!
Strung Out folgten nicht weniger intensiv und steigerten meinen Nostalgie-Flash noch ein wenig mehr. Es gab keine großen Unterschiede zur musikalischen Formel ihrer Vorgänger, allerdings stieg das Tempo der dargebotenen Songs nochmals an. Für mich, als jemand, der privat nicht unbedingt aktiv Punkrock hört, absolut zu empfehlen. Neben dem erwähnten Anstieg der BPM wurden auch die Vocals etwas „härter“ – der eine oder andere Scream und Shout ließ bereits erraten, wohin die Reise des heutigen Tages noch gehen würde. Zuvor aber:
Jaya The Cat – Vorerst genug Tempo und Kardio für das Publikum, welches übrigens aus allen Altersgruppen bestand – eine positive Diversität! Mit ihrem Mix aus Reggae, Ska- und Punkrock luden die Jungs, deren Wahlheimat Amsterdam ist, zum „Entspannen“ ein. Einen passenderen Slot im Line-up hätte ich mir nicht vorstellen können. Fast so, als hätte man den Timetable sinnvoll und überlegt gestaltet! 🙂 Das Tanzverhalten änderte sich passend zum neuen Genre-Mix, die gute und einladende Stimmung ließ sich davon jedoch nicht beeinflussen. Perfekt, um eine „gute Laune Zigarette“ aus Holland zu rauchen und eine Art Best-of-Setlist zu genießen. Mit „Amsterdam“, „Closing Time“ oder „Here Come the Drums“ dürfte ein jeder Fan voll auf seine Kosten gekommen sein!
Eine jede „Pause“ lädt aber auch dazu ein, Energie zu tanken. Der Grund hierfür: Walls of Jericho – Female-fronted Hardcore/Metalcore der Extraklasse. „The American Dream“ spiegelt ganz klar wider, wofür die Amerikaner*innen und ihre Musik stehen: Ein Mix aus 2000er Metal- und Hardcore mit Message! Gesellschaftskritik, Missstände in den USA und persönliche Schicksale – all das verpackt in Breakdowns, tiefe Gitarrentöne und eine Menge Gelegenheiten für Moshpits. Candace Kucsulain hatte kein Problem damit, all die oben genannten Punkte perfekt zu vermitteln. Für mich ein klarer Fall: Raus aus dem Fotograben und rein ins Publikum. Moshpits, Two-Step und der Versuch, das Ganze unbeschadet zu überstehen. Eines meiner persönlichen Highlights!
Irgendwie verständlich, dass The Bones aus Schweden danach wieder einen Gang herunterschalten durften. Eine weitere, gut platzierte Pause, um dem anwesenden Publikum etwas Zeit zum Durchatmen zu ermöglichen. Im Jahr 1996 gegründet, stehen die Jungs heute – mit exakt 30 Jahren Erfahrung – absolut nicht mehr als unbeschriebenes Blatt auf der Bühne. Es gab einen gekonnten Mix irgendwo zwischen Rock ’n’ Roll und Punk. Melodien zum Mitsingen, Gitarrensolos zum Genießen und Tanzen. Es ist einfach schön, Musiker in ihrem Element erleben zu dürfen – dieses Gefühl hatte ich bei den Schweden durchgehend! Für mich eine willkommene Abwechslung.
Mit Biohazard näherte sich der Abend langsam aber sicher seinem Ende und damit zwei Bands, die aus verschiedenen Gründen Legendenstatus besitzen – hierzu aber gleich mehr. 1987 gegründet, machen Biohazard länger Musik, als ich alt bin, und gelten deswegen zu Recht als Pioniere des New York Hardcore – das merkt man! Energetische Gangshouts, ein gewisser Einfluss von Hip- Hop und eine klare Kante gegen die Zerstörung der Umwelt durfte das Save The Core Festival genießen. Das Albumcover von „State Of The World Address“ zeigt ein Kind mit Gasmaske. Ähnliche Ausstattung wäre auch vor Ort von Vorteil gewesen: Biohazard haben es mit Hilfe des Publikums geschafft, eine Staubwolke zu erzeugen, die Klamotten verfärbte, das Atmen erschwerte und dem Namen des Festivals alle Ehre machte!
Agnostic Front – gegründet in den frühen 1980er Jahren und damit die unumstrittenen Legenden des New York Hardcore – waren die vorletzte Band der diesjährigen Ausgabe. Für einen nicht unerheblichen Teil des Publikums waren die New Yorker gefühlt der eigentliche Headliner. Der harte Kern kam hier voll auf seine Kosten: Mit „Gotta Go“, „For My Family“ und „Blitzkrieg Bop“ blieb kein Wunsch offen! Ich möchte es allerdings nicht unerwähnt lassen, dass sich Agnostic Front in all den Jahren ihres Schaffens nicht immer mit Ruhm bekleckert haben – kritische Texte führten in der Vergangenheit zu einer steigenden Hörerschaft in der rechten Szene der USA. Ebenso werfen Kritiker der Band vor, als Wegbereiter des durchaus in rechten Kreisen vertretenen „Hatecore“ zu gelten. Im selben Zuge ist es natürlich ebenso wichtig zu erwähnen, dass sich die Band in Interviews wiederholt klar gegen Neonazis positioniert hat. Auch das Save The Core Festival zeigt seit seinem Bestehen eine klare Kante gegen Nazis, Rassismus und Sexismus!
Die zweite Band mit Legendenstatus und der absolute Headliner in diesem Jahr waren die Sex Pistols feat. Frank Carter. Die in den 1970er Jahren in London gegründete Band steht wie kaum eine andere für kritischen Punkrock aus England und sollte ein Must-see für jeden sein! Mit Frank Carter, der sich durch seine eigene Band Frank Carter & The Rattlesnakes ein festes Standbein in der Musikszene geschaffen hat, haben sich die Sex Pistols einen unglaublichen Frontmann an Land gezogen. Carter hielt es keine zwei Songs auf der Bühne aus und fand sich schneller in der Mitte eines Circle-Pits wieder, als es den anwesenden Fotograf*innen möglich war, den verbleibenden Teil der Band abzulichten – zumindest ging es mir so. Überzeugend, rebellisch, nostalgisch – all dies beschreibt den Auftritt nicht einmal im Ansatz. Hits wie „God Save The Queen“ und „Anarchy In The U.K.“ durften natürlich nicht fehlen. Aber auch „Submission“ und „Pretty Vacant“ vom 1977 veröffentlichten Kultalbum „Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols“ wurden live performt.
Abschließend lässt sich sagen, dass ein Auftritt der Sex Pistols ohne Frank Carter für mich kaum vorstellbar wäre. Ein gutes Konzerterlebnis lebt nicht zuletzt von der Interaktion mit den Fans. Keine Frage, Carter hat dies perfektioniert. Er scheut sich nicht davor, die Menge mitzureißen, die Barrieren zu überwinden und die typische „Star-Attitüde“ im Keim zu ersticken!
Danke an das Save The Core Festival für diesen tollen, gut organisierten Tag! Eine klare Empfehlung für ein Festival, das Haltung zeigt.
Text & Fotos: Adrian Kappler
