Rock Journal
Konzertberichte

Reload Festival 2026 – Drei Tage zwischen Staub, Crowdsurfern und dem perfekten Moment

Als akkreditierter Fotograf beim Reload Festival in Sulingen: drei Tage zwischen 39 Grad, fehlendem Pitpass, tausenden Bildern und der Erkenntnis, dass die vermeintlich schlechtere Ausgangslage manchmal die besseren Fotos hervorbringt.

Es gibt Festivalwochenenden, bei denen man am Ende vor allem über Bands spricht. Und es gibt diese anderen Wochenenden, bei denen schon der Weg zur Bühne Teil der Geschichte wird. Das Reload Festival vom 13. bis 15. August 2026 in Sulingen gehörte für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Ich war nicht als klassischer Festivalbesucher unterwegs, sondern als akkreditierter Fotograf. Das verändert den Blick auf ein Festival erheblich. Während andere darüber nachdenken, welche Band sie als Nächstes komplett sehen wollen, rechnet man selbst in Spielzeiten, Laufwegen, Objektivwechseln und den ersten drei Songs. Man sucht nach Perspektiven, versucht gleichzeitig Crowdsurfer im Auge zu behalten und denkt zwischendurch schon darüber nach, wie viele Bilder später noch gesichtet und bearbeitet werden müssen.

Dazu kam bei mir eine Besonderheit: Einen Zugang zum Fotograben gab es nicht.

Was mich bei der Ankunft zunächst ziemlich herunterzog, sollte sich im Verlauf des Wochenendes überraschenderweise als gar nicht so großer Nachteil herausstellen.

Ankommen mit Dämpfer

Die Anreise nach Sulingen dauerte für meinen Kollegen und mich rund zweieinhalb Stunden. Wir hatten uns in der Nähe eine Ferienwohnung genommen und waren damit zumindest nach den langen Festivaltagen nicht noch auf Campingplatzbedingungen angewiesen.

Direkt am Parkplatz wurden die Pressebändchen ausgegeben. Dort fragte ich bereits nach einem zusätzlichen Fotobändchen und wurde an den Pressebereich verwiesen. Also Equipment geschnappt und die ungefähr 500 Meter zum Pressezelt zurückgelegt.

Dort folgte dann die Nachricht, mit der ich so nicht gerechnet hatte: Einen Pitpass würden wir nicht bekommen. Fotografieren durften wir lediglich aus dem Infield.

Meine Begeisterung hielt sich in diesem Moment in sehr engen Grenzen. Gerade wenn man mit dem klaren Ziel zu einem Festival fährt, möglichst viele Bands fotografisch festzuhalten, gehört der Fotograben zunächst einmal zur gedanklichen Grundausstattung. Für einen Moment zog mich diese Nachricht deshalb tatsächlich ziemlich runter.

Aber was sollte ich machen? Ich war in Sulingen, die Kameras waren dabei und vor mir lagen drei Festivaltage. Also arrangierte ich mich mit der Situation.

Und schon bei den ersten Bands stellte ich etwas fest, das meine Sicht auf den fehlenden Pitpass deutlich veränderte.

Die Bühnen beim Reload waren hoch. Aus dem Fotograben hätte sich entsprechend häufig ein sehr steiler Winkel ergeben. Aus den ersten Publikumsreihen heraus stand ich dagegen nur vielleicht zwei Meter weiter hinten, hatte aber einen wesentlich angenehmeren Blickwinkel. Mit einem Objektiv, das mir Brennweiten bis 320 Millimeter ermöglicht, spielte diese zusätzliche Entfernung ohnehin kaum eine Rolle.

Mein Rhythmus entwickelte sich schnell: zunächst irgendwo zwischen der zweiten und vierten Reihe fotografieren, dort ungefähr zwei Songs mitnehmen und anschließend weiter nach hinten gehen, um Totale und Publikumsbilder einzufangen. Für diese Perspektiven erwies sich auch das erhöhte Podest für Rollstuhlfahrer als geeigneter Standort.

Aus dem vermeintlichen Problem wurde also ziemlich schnell eine fotografisch interessante Alternative.

Tag eins: Hitze, Staub und die ersten Erkenntnisse

Den Auftakt machte für mich Allt auf der Heist Plaza Stage. Gleich hier zeigte sich, was mich über das gesamte Wochenende begleiten sollte: Das Publikum war von Beginn an voll dabei. Die ersten Crowdsurfer ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten.

Musikalisch gefiel mir Allt ausgesprochen gut. Die Band lieferte eine starke Show und war gleichzeitig mein erster echter Test unter den neuen Bedingungen ohne Fotograben. Nach ungefähr drei Songs zog es mich allerdings zurück in den Pressebereich. Dieser Wechsel aus Fotografieren, Bilder sichern, kurze Pause und wieder zur nächsten Bühne sollte sich schnell zur Routine entwickeln.

Danach ging es erneut zur Heist Plaza Stage zu Self Deception. Fotografisch fiel mir hier vor allem der extrem auffällige Look eines Bandmitglieds ins Auge: grelle Farben, pinker Hut, Bandana, Sonnenbrille und ein Instrument, das vor dem dunklen Bühnenhintergrund regelrecht herausstach. Solche Motive funktionieren natürlich hervorragend vor der Kamera. Auch hier nahm das Publikum die Band sehr gut an, lange blieb ich trotzdem nicht.

Auf der MainStage stand anschließend Stick To Your Guns an – und die Band wurde für mich zu einem der ersten wirklichen musikalischen Ausrufezeichen dieses Wochenendes. Sie gefiel mir extrem gut und brachte vor der großen Bühne sofort ordentlich Bewegung in die Menge. Schon bei Tageslicht war zu sehen, wie dicht das Publikum vor der Bühne stand. Crowdsurfer, erhobene Hände und eine Menge Bewegung sorgten dafür, dass ich neben den klassischen Bühnenmotiven auch immer wieder den Blick Richtung Publikum richtete.

Danach wurde es auf der Heist Plaza Stage bei Terror deutlich ungemütlicher.

Ich hatte mich erneut ungefähr in der dritten Reihe positioniert. Eigentlich ein guter Standort – bis das Publikum loslegte. Mehrere Circle Pits, dazu Crowdsurfer und ständig Bewegung um mich herum machten das konzentrierte Fotografieren zunehmend schwierig. Nach nur einem Song entschied ich mich für den Rückzug.

Es war einer dieser Momente, in denen Konzertfotografie mitten aus dem Publikum eben nicht nur aus Kameraeinstellungen und Bildkomposition besteht. Man muss auch jederzeit wissen, was hinter und neben einem passiert.

Meine grundsätzliche Herangehensweise änderte ich dadurch trotzdem nicht. Dafür war die Nähe zur Bühne einfach zu wertvoll.

Bei Soulfly war die Situation anschließend deutlich entspannter. Das Publikum blieb ruhiger und entsprechend angenehm ließ es sich fotografieren. Für mich persönlich war es schön, endlich einmal Max Cavalera vor der Kamera zu haben. Trotzdem blieb auch dieser Auftritt für mich auf die ersten Songs begrenzt, bevor es wieder Richtung Pressebereich ging.

Eine Band, auf die ich mich dagegen ganz besonders gefreut hatte, war Black Label Society.

Ich hatte bereits einige Zeit zuvor die neue Platte rezensiert und höre die Band seit Jahren. Entsprechend groß war meine Vorfreude. Auch hier bekam ich wieder einen Platz weit vorne. Das markante Bühnenbild, rotes Licht, viel Rauch und der mit Totenköpfen dekorierte Mikrofonständer boten reichlich Motive.

Nach zwei Songs wechselte ich erneut auf eine weiter hinten gelegene Position, um die gesamte Bühne einzufangen.

Eine vollständige Bewertung der Show möchte ich daraus bewusst nicht ableiten. Wer als Fotograf nach etwa drei Songs weiterzieht, bekommt nur einen Ausschnitt. Aber dieser Ausschnitt wirkte extrem professionell. Genau so, wie ich mir Black Label Society im Festivalrahmen vorgestellt hatte.

Zum Abschluss des ersten Tages stand Arch Enemy auf meinem Plan. Musikalisch gehören sie nicht unbedingt zu meinen persönlichen Favoriten, gleichzeitig war ich gespannt darauf, wie die neue Sängerin vor diesem Publikum funktionieren würde.

Sie machte ihre Sache hervorragend.

Für diesen Auftritt stellte ich mich bewusst etwas weiter hinten vor den ersten Wellenbrecher. Das eröffnete noch einmal eine andere Perspektive auf die gewaltige Bühne. Große Lichtflächen, viel Rot, massive Scheinwerferreihen und die dicht gefüllte Fläche davor machten Arch Enemy zu einem starken Abschluss für den ersten Tag.

Als wir danach Richtung Ferienwohnung fuhren, war ich allerdings ziemlich erledigt.

Etwa 35 Grad, dazu der trockene Boden und enorm viel Staub hatten ihren Tribut gefordert. Gleichzeitig war ich zufrieden. Die ersten Bilder sahen gut aus, das Konzept ohne Fotograben funktionierte – und die anfängliche Enttäuschung war längst deutlich kleiner geworden.

Nur Feierabend war damit noch lange nicht.

Da ich zwischen den einzelnen Bands längst nicht alle Bilder fertig bearbeiten konnte, begann in der Ferienwohnung die zweite Schicht. Auswahl, Bearbeitung, Vorbereitung fürs Posting. Gegen 2:30 Uhr lag ich schließlich im Bett.

Der Wecker sollte um acht klingeln.

Tag zwei: 39 Grad und kaum Zeit zum Durchatmen

Der zweite Tag begann für mich damit, dass ich vor dem ersten Konzertblock zumindest noch etwas Zeit für die liegengebliebenen Veröffentlichungen hatte. Da die erste Band erst um 12:30 Uhr spielte, schaffte ich es tatsächlich, den kompletten ersten Festivaltag auf Instagram abzuschließen.

Dann ging es wieder vor die Bühne.

Den Auftakt machte auf der MainStage Alien Ant Farm. Von der Band kannte ich vorher im Grunde hauptsächlich ihre Version von Michael Jacksons „Smooth Criminal“. Umso angenehmer war die Überraschung.

Die Band überzeugte mich, und die rockigere Ausrichtung war für meine Ohren nach einigen deutlich härteren Acts vom Vortag fast schon eine Erholung.

Danach folgte mit Broken by the Scream genau der Gegenentwurf.

Musikalisch war das überhaupt nicht meine Welt. Metalcore mit japanischem Gesang – für mich persönlich schwierig. Fotografisch sah die Sache dagegen komplett anders aus. Die vier Sängerinnen, ihre abgestimmten schwarz-grauen Outfits und die choreografierte Bewegung auf der Bühne lieferten reichlich Motive.

Das Publikum störte sich an meiner musikalischen Skepsis ohnehin nicht. Dort wurde die Band massiv gefeiert. Zahlreiche Crowdsurfer machten auch schnell klar, wie gut die Show ankam.

Für mich war das allerdings das Signal, nach meinen Bildern wieder relativ schnell Richtung Pressebereich zu verschwinden.

Auf der MainStage warteten anschließend Paleface Swiss.

Die Band überzeugte mich auf ganzer Linie. Vor der Bühne war mächtig Bewegung, überall Crowdsurfer, Hände in der Luft und ein Publikum, das sich ohne große Aufforderung auf die Show einließ. Gerade für die Konzertfotografie sind solche Situationen Fluch und Segen zugleich. Sie liefern fantastische Bilder, machen das Arbeiten aber gleichzeitig deutlich anstrengender.

Weiter ging es mit Thundermother auf der Heist Plaza Stage. Die vier Frauen präsentierten eine richtig gute Rockshow. Immer wieder wurde das Publikum eingebunden, und vor allem wirkte nichts daran routiniert oder abgespult. Man sah der Band den Spaß an ihrem Auftritt an.

Für mich war das ein schöner Kontrast im Tagesprogramm.

Dann kam einer meiner ganz persönlichen Höhepunkte: Imminence.

Diese Band begeistert mich schon seit einigen Jahren. Entsprechend wollte ich diesmal nicht nur meine drei Songs fotografieren und verschwinden. Und tatsächlich wurde Imminence zur ersten Band des Festivals, deren Auftritt ich komplett sah.

Eddie Bergs Gesang allein liefert schon enorme Kontraste: Screams, Growls und klare Passagen – dazu die Geige, die den Sound der Band noch einmal auf eine ganz andere Ebene hebt. Auch die Bühnenwirkung passte dazu. Dunkle Anzüge, eine vergleichsweise elegante Optik und eine Performance, die sich deutlich von vielen anderen Acts des Wochenendes abhob.

Irgendwann nahm ich die Kamera sogar bewusst herunter.

Ich hörte auf zu fotografieren und stellte mich seitlich hin, um die Show einfach anzusehen.

Das Publikum war währenddessen fast permanent in Bewegung. Genau dieser Moment war für mich wichtig: Ein Festival ausschließlich durch den Sucher zu erleben, wäre schade. Bei Imminence gönnte ich mir deshalb erstmals ganz bewusst eine längere Phase, in der die Kamera nicht zwischen mir und der Bühne stand.

Nach diesem Highlight folgte Dead by April, eine Band, die ich früher oft gehört und auch bereits in einer älteren Besetzung live gesehen hatte. Heute war von damals für mich nur noch Gitarrist Pontus als vertrautes Gesicht dabei.

Musikalisch gefiel mir der Auftritt weiterhin. Trotzdem sprang der Funke bei mir nicht so über wie früher. Ich konnte gar nicht genau benennen, woran es lag. Das Publikum sah es ohnehin anders und nahm die Band gut an.

Für mich war trotzdem relativ schnell wieder Schluss.

Kim Dracula sollte dann zunächst mein persönlicher Abschluss des zweiten Tages werden. Schon die Optik der Show war völlig anders als bei fast allem zuvor. Schwarzer Anzug, goldene Verzierungen, starkes Make-up, überzeichnete Gestik, dazu ein Saxofon in der Band – ein Gesamtkonzept, bei dem man vermutlich ziemlich schnell weiß, ob man damit etwas anfangen kann.

Ich würde sagen: Man muss Kim Dracula mögen, um daran wirklich Gefallen zu finden.

Fotografisch war das Ganze natürlich dankbar. Gesichtsausdrücke, Posen und Outfit boten ständig neue Motive. Persönlich blieb bei mir eher der Eindruck: kuriose Show, definitiv Geschmackssache.

Fast hätte ich in meiner Erinnerung an diesen Tag noch Thrown unterschlagen.

Musikalisch überzeugte mich die Band komplett. Fotografisch war der Auftritt dagegen eine kleine Katastrophe. Die Lichtshow – wenn man sie überhaupt so nennen möchte – war unterirdisch. Bei der späteren Bearbeitung blieben vielleicht drei Bilder übrig, die ich wirklich brauchbar fand.

Für eine eigene Galerie war das schlicht zu wenig.

Das ist ein Punkt, der bei Konzertfotografie oft unterschätzt wird. Eine starke Band bedeutet nicht automatisch starke Bilder. Wenn das Licht nicht mitspielt, kann man technisch noch so sauber arbeiten – irgendwann sind die Grenzen erreicht.

Im Publikum herrschte währenddessen allerdings wieder ordentlich Bewegung.

Der eigentliche Headliner des Tages, Judas Priest, fiel für uns Fotografen aus. Wir durften die Band nicht fotografieren. Für mich persönlich war das allerdings verschmerzbar, weil ich Judas Priest bereits im Juli beim Bobfest aus dem Fotograben fotografieren durfte.

Der zweite Tag war ohnehin körperlich noch einmal härter als der erste.

39 Grad waren es an diesem Tag, dazu erneut Staub ohne Ende. Am Abend bearbeitete ich zwar noch einige Bilder, aber diesmal wurde es wenigstens nicht ganz so spät wie am Vortag.

Tag drei: Endlich kühlere Luft

Überraschenderweise startete ich ziemlich fit in den letzten Festivaltag.

Und vor allem das Wetter machte die Arbeit deutlich angenehmer. Nach den 39 Grad des Vortags sank die Temperatur auf ungefähr 25 Grad. Abends wurde es sogar recht frisch, zwischendurch fiel etwas Regen.

Nach zwei Tagen Hitze und Staub fühlte sich das beinahe luxuriös an.

Los ging es für mich auf der Heist Plaza Stage mit Luna Kills. Vor dem Festival hatte ich nur kurz in die Musik der Finnen hineingehört. Nach dem Auftritt war klar: Diese Band werde ich mir definitiv noch einmal ausführlicher anhören.

Luna Kills überraschten mich komplett. Die Sängerin stand im Zentrum einer Show, die mit viel Bewegung, rotem Licht und einer sehr präsenten Bühnenwirkung funktionierte. Auch vor der Bühne bildeten sich bereits wieder die ersten größeren Bewegungen im Publikum.

Danach kam eine Band, die stilistisch auf diesem sehr Metal-lastigen Wochenende zunächst beinahe wie ein Fremdkörper wirkte: 100 Kilo Herz.

Punkrock statt Metal.

Und gerade deshalb funktionierte es für mich hervorragend.

Natürlich hatte die Band ihre Fans vor Ort, und das Publikum ging sichtbar mit. Mich selbst überraschte der Auftritt ebenfalls sehr positiv. Bläser, eine deutlich andere musikalische Farbe und ein Publikum, das offensichtlich kein Problem damit hatte, für diesen Moment aus dem härteren Festivalprogramm auszubrechen.

Mit Dominum auf der MainStage ging es anschließend wieder deutlich stärker in Richtung Inszenierung.

Musikalisch war das nicht mein Ding. Fotografisch wollte ich die Band trotzdem unbedingt mitnehmen – allein wegen der Masken. Verzerrte Gesichter, künstlich verfallene Haut, morbide Kostüme und teilweise fast schon Horrorfilm-Ästhetik: Solche Motive muss man als Fotograf eigentlich mitnehmen, unabhängig davon, ob die Musik privat auf der eigenen Playlist landen würde.

Genau dieser Gegensatz gehört zu solchen Wochenenden dazu. Als Fotograf entscheidet man eben nicht nur danach, was man gerne hört.

Danach stand erneut The Ghost Inside vor meiner Kamera. Ich hatte die Band nicht einmal zwei Wochen zuvor in Dortmund fotografiert und wusste deshalb ziemlich genau, was vor der Bühne passieren könnte.

Und sie enttäuschten nicht.

Die Band überzeugte erneut auf ganzer Linie. Gleichzeitig verlagerte sich mein Blick immer wieder ins Publikum. Crowdsurfer waren allgegenwärtig, und gerade diese Bilder erzählen bei The Ghost Inside fast genauso viel über den Auftritt wie die Bandfotos selbst.

Es folgte Kittie auf der Heist Plaza Stage. Die Frauen lieferten eine gute Show und wurden vom Publikum entsprechend positiv aufgenommen. Gerade das wechselnde rote und kühlere Licht ergab dabei einige schöne Motive, während die Band selbst angenehm direkt wirkte.

Bei Avatar auf der MainStage war meine Erwartung dagegen höher.

Ein befreundeter Fotograf hatte die Band bereits in einem Club fotografiert und mir Bilder gezeigt, auf denen die Show enorm stark wirkte. Entsprechend gespannt war ich darauf, das Ganze selbst auf einer großen Festivalbühne zu erleben.

Für mich ging diese Rechnung nicht vollständig auf.

Optisch war natürlich einiges geboten: Make-up, schwarzes Leder, rote Akzente und sogar ein roter Ballon als Requisite. Die Fans der Band waren ebenfalls da und hatten ihren Spaß.

Mich selbst überzeugte die Show auf dieser großen Bühne trotzdem nicht richtig. Vielleicht liegt Avatar tatsächlich eine engere Clubsituation mehr. Eine weitere Chance bei einer Clubshow würde ich der Band jedenfalls geben.

Danach wurde es für mich wieder sportlich.

Mitten im Circle Pit bei Agnostic Front

Bei Agnostic Front auf der Heist Plaza Stage überlegte ich vor Beginn kurz, ob ich mich überhaupt wieder so weit vorne positionieren sollte.

Die Erinnerung an Terror vom ersten Tag war schließlich noch ziemlich präsent.

Ich tat es trotzdem.

Zunächst war das auch eine gute Entscheidung. Ich bekam meine Bilder und wollte mich anschließend langsam weiter nach hinten arbeiten.

Dann öffnete sich plötzlich ein Circle Pit.

Und ich stand mittendrin.

Ausgerechnet in diesem Moment hatte ich meine zweite Kamera mit dem Weitwinkelobjektiv nicht dabei. Fotografisch wäre diese Position wahrscheinlich sogar ziemlich spannend gewesen.

Stattdessen konzentrierte ich mich erst einmal darauf, wieder hinauszukommen. Das gelang erstaunlich entspannt. Danach konnte ich noch einige Aufnahmen aus größerer Entfernung machen.

Im Nachhinein gehört genau diese Situation zu den Szenen, an die ich beim Reload wahrscheinlich noch länger denken werde. Nicht weil etwas Schlimmes passiert wäre, sondern weil sie ziemlich gut beschreibt, was Fotografieren aus dem Publikum an diesem Wochenende bedeutete: Man war nicht vor der Menge – man war mittendrin.

Godsmack: zwei Drumsets und eine große Show

Dann näherte sich das Festival seinem Ende – und für mich kamen noch zwei der wichtigsten Bands des gesamten Wochenendes.

Den Anfang machten Godsmack auf der MainStage.

Ich ging deutlich früher zur Bühne, um mir einen möglichst guten Platz zu sichern. Das klappte: zweite Reihe.

Und diesmal blieb ich.

Godsmack waren für mich eines der ganz großen Highlights des Festivals. Die Band wirkte spielfreudig, präsent und hatte sichtbar Spaß an diesem Auftritt.

Der stärkste Moment war ohne Zweifel die Passage mit zwei Drumsets.

Allein das Bühnenbild war bereits beeindruckend, aber dann drehten sich die Drumsets auch noch. Ein solcher Moment funktioniert nicht nur musikalisch, sondern natürlich ebenso hervorragend visuell. Wenn große Schlagzeuge, Licht und Bewegung zusammenkommen, muss man als Fotograf eigentlich nur noch dafür sorgen, im richtigen Moment abzudrücken.

Auch das Publikum hatte längst noch nicht genug. Zahlreiche Crowdsurfer wurden Richtung Bühne getragen.

Normalerweise wäre ich nach einigen Songs längst wieder unterwegs gewesen. Diesmal blieb ich für die komplette Show.

Dafür gab es allerdings noch einen weiteren Grund.

Denn nach Godsmack sollte meine absolute Lieblingsband spielen.

In Flames: Warum manchmal die erste Reihe besser ist als der Fotograben

Auf In Flames hatte ich das ganze Wochenende hingefiebert.

Und mein Plan ging auf.

Nach Godsmack konnte ich mir tatsächlich einen Platz in der ersten Reihe sichern.

Eine komplette Show aus der ersten Reihe zu fotografieren, hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Und ausgerechnet bei meiner Lieblingsband sollte es passieren.

Zunächst kamen die Fotografen mit Pitpass in den Fotograben. Dabei fiel mir schnell auf, dass die Lichtbedingungen während der ersten drei Songs gar nicht besonders dankbar waren.

Dann mussten die Fotografen den Graben verlassen.

Und plötzlich änderte sich das Licht.

Von vorne kam nun auch weißes Licht auf die Bühne.

Ich stand immer noch direkt vorne.

Das war genau der Moment, in dem sich die ganze Diskussion um den fehlenden Pitpass dieses Wochenendes für mich noch einmal komplett relativierte.

Während die klassischen drei Songs für die Fotografen vorbei waren, hatte ich plötzlich hervorragende Bedingungen – und konnte weiterfotografieren.

Einige meiner besten Bilder des gesamten Festivals entstanden genau dort.

Natürlich wurde es mit jeder Minute schwieriger. Das Publikum gab zum Ende des Festivals noch einmal alles, und Crowdsurfer kamen mittlerweile in solchen Mengen nach vorne, dass ich ständig gleichzeitig Bühne und unmittelbare Umgebung beobachten musste.

Trotzdem ließ ich mir den Auftritt nicht nehmen.

Ich fotografierte.

Ich feierte.

Und vor allem sah ich In Flames in einer Form, in der ich sie persönlich noch nie erlebt hatte.

Die Band wirkte locker, hatte sichtbar Spaß und präsentierte für mich die beste Show, die ich bisher von ihr gesehen habe.

Mein persönlicher Höhepunkt im Set war „Cloud Connected“.

Und als mit „Alias“ der letzte Song des Festivals kam, bekam dieser Abschluss noch die passende große Geste: ein Feuerwerk über dem Gelände.

Damit war Schluss.

Drei Tage Reload waren vorbei.

Drei Tage Festival – und nachts beginnt die zweite Schicht

Was man bei Festivalfotografie leicht übersieht: Der Job endet nicht mit dem letzten Akkord.

Gerade an den ersten beiden Tagen lagen zwischen einzelnen Shows oft nur kurze Phasen. Bilder sichern, kurz auswählen, vielleicht bereits etwas bearbeiten – und dann ging es schon weiter.

Abends begann deshalb regelmäßig die nächste Runde.

Besonders nach dem ersten Tag saß ich bis tief in die Nacht an meinen Fotos. Um halb drei im Bett, um acht wieder aufstehen – und dann zurück aufs Gelände.

Dazu die Hitze.

35 Grad am ersten Tag, 39 am zweiten.

Staub überall.

Kameras, Objektive und Kleidung waren ständig dieser trockenen Luft ausgesetzt. Gleichzeitig musste genug Konzentration übrig bleiben, um zwischen mehreren tausend Menschen zu arbeiten, während von hinten jederzeit der nächste Crowdsurfer kommen konnte.

Am dritten Tag machten die deutlich angenehmeren Temperaturen einen enormen Unterschied. Etwa 25 Grad, später sogar kühl und zwischendurch etwas Regen – nach den beiden Tagen zuvor war das fast schon eine Erholung.

Und was war nun mit dem fehlenden Pitpass?

Im Nachhinein ist ausgerechnet dieser Punkt eine der größten Überraschungen meines Reload-Wochenendes.

Hätte ich vor der Anreise gewusst, dass ich keinen Pitpass bekommen würde, wäre ich vermutlich gar nicht erst gefahren.

Und heute bin ich fast froh, dass ich es erst vor Ort erfahren habe.

Natürlich sollte der Veranstalter solche Bedingungen im Vorfeld klarer kommunizieren. Gerade akkreditierte Fotografen planen ihre Arbeit anders, wenn sie wissen, dass kein Zugang zum Fotograben vorgesehen ist. Objektivwahl, Ausrüstung, Positionierung und teilweise sogar die Entscheidung für oder gegen eine Anreise hängen davon ab.

Dieser Kritikpunkt bleibt.

Aber rein praktisch?

Ich würde das Reload auch ohne Pitpass noch einmal fotografieren.

Das Festival ist mit ungefähr 20.000 Besuchern groß genug, um eine echte Festivalatmosphäre zu erzeugen, bleibt aber gleichzeitig überschaubar. Selbst aus der Menge heraus konnte ich sehr gut arbeiten.

Die hohen Bühnen sorgten außerdem dafür, dass der etwas größere Abstand häufig sogar den besseren Winkel ergab. Mit der passenden Brennweite war der Unterschied zwischen erster Publikumsreihe und Fotograben teilweise erstaunlich gering.

Und natürlich hatte das Arbeiten aus dem Publikum noch einen ganz anderen Vorteil: Ich bekam Dinge mit, die man aus dem Fotograben zwangsläufig anders erlebt.

Circle Pits entstanden direkt neben mir.

Crowdsurfer flogen teilweise über meinen Kopf.

Ich stand mitten zwischen den Fans.

Bei In Flames konnte ich sogar nach den obligatorischen ersten drei Songs weiterfotografieren – und bekam dadurch gerade dann meine besten Lichtbedingungen.

Manchmal läuft Konzertfotografie eben genau anders als geplant.

Organisation: Abgesehen davon nahezu nichts auszusetzen

Abseits der unklaren Kommunikation zum Pitpass war das Reload Festival für mich hervorragend organisiert.

Der Pressebereich funktionierte, die Wege waren überschaubar und auch die Versorgung der akkreditierten Medien war gut gelöst.

Besonders positiv: Pressevertreter konnten für 15 Euro das VIP-Catering nutzen.

Für ein Festival dieser Größe halte ich das für einen absolut fairen Preis.

Insgesamt hatte ich organisatorisch kaum etwas auszusetzen. Der eine Punkt mit der Fotoakkreditierung sollte klarer werden – alles andere hinterließ bei mir einen sehr guten Eindruck.

Mein Reload 2026

Wenn ich nach diesen drei Tagen eine klassische Rangliste aufstellen müsste, würde sie meiner Erfahrung ohnehin nicht gerecht werden.

Dafür war dieses Wochenende zu sehr von meiner Perspektive als Fotograf geprägt.

Imminence waren einer meiner musikalischen Höhepunkte, weil ich dort irgendwann bewusst die Kamera heruntergenommen und die Show einfach genossen habe.

Godsmack blieben mit den zwei rotierenden Drumsets hängen.

Luna Kills waren eine der positiven Entdeckungen des Wochenendes.

100 Kilo Herz überraschten mich gerade deshalb, weil sie musikalisch so deutlich aus dem restlichen Programm herausfielen.

Bei Black Label Society war es die Freude darüber, eine seit Jahren gehörte Band endlich vor der Kamera zu haben.

Bei Soulfly war es Max Cavalera.

Bei Agnostic Front der Moment mitten im Circle Pit.

Bei Thrown die Erkenntnis, dass eine starke Band und eine fotografisch starke Show zwei völlig unterschiedliche Dinge sein können.

Und dann war da natürlich In Flames.

Meine Lieblingsband.

Erste Reihe.

Die komplette Show.

Nach drei Songs plötzlich besseres Licht.

Massenweise Crowdsurfer.

„Cloud Connected“.

„Alias“.

Feuerwerk.

Besser habe ich In Flames noch nie gesehen.

Vielleicht ist genau das mein Bild dieses Reload Festivals: Ich fahre hin und ärgere mich zunächst darüber, dass ich keinen Pitpass bekomme. Drei Tage später stehe ich bei meiner Lieblingsband in der ersten Reihe und merke, dass genau diese Situation mir einige meiner besten Aufnahmen des gesamten Wochenendes ermöglicht.

Manchmal ist der Plan eben nicht das Entscheidende.

Man muss nur trotzdem hinfahren.

Und genau das werde ich beim Reload ziemlich sicher wieder tun.

Für nächstes Jahr ist die Rückkehr nach Sulingen jedenfalls bereits geplant – notfalls wieder ohne Pitpass.

Text & Foto: Marc Junge (majun.photo)