Rock Journal
Konzertberichte

Summer Breeze – Festivalkultur auf dem Höchststand!

Ich kann und will mein zweites Jahr auf dem Summer Breeze Festival nicht anders beschreiben als mit dem Wörtchen „perfekt“.

Für mich war die diesjährige Ausgabe ein Paradebeispiel dafür, dass unabhängige Metalfestivals so viel richtig machen können, ohne sich „verkaufen“ zu müssen.

Für alle, die nicht früh genug starten konnten, gab es bereits Dienstagabend eine Warm-up-Party auf der hauseigenen Campingplatz-Bühne. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dieses Jahr erst am Mittwoch zum offiziellen Start des Infields angereist bin – vermutlich werde ich einfach alt…

Bevor ich über die 27 Bands berichte, die ich an vier Tagen fotografiert habe, noch ein kurzes Lob samt Kritik an die Organisation:

Meine Anreise verlief (wie schon im letzten Jahr) absolut entspannt. Vor Ort wurde ich als Pressevertreter zügig abgefertigt, bekam meinen Fotopass, hatte ausreichend Platz auf dem Park- und Campinggelände und keinerlei Probleme beim Einlass. Das neu eingerichtete Media Village war eine wichtige und richtige Erneuerung: Es hat die Idee des entspannten Arbeitens und Networkings zwischen Medienvertreterinnen und Künstlerinnen perfekt umgesetzt.

Einen Gedanken möchte ich hier allerdings teilen: Aufgrund der neuen Location direkt neben der Main Stage haben sich die Laufwege leider etwas „verschlimmbessert“.

Die Wege zu den anderen Bühnen sind länger geworden. Eine Abkürzung durch den Backstage-Bereich hinter den Bühnen war uns leider nicht gestattet. Hier sehe ich Verbesserungspotenzial – mit Kameras und unter Zeitdruck einen Bühnenwechsel mitten durch 45.000 bis 50.000 Zuschauer*innen zu vollziehen, war keineswegs ein entspannter Spaziergang. Ob das Meckern auf hohem Niveau oder ein valider Kritikpunkt ist, bleibt wohl subjektiv.

Böse Zungen mögen behaupten, mein Musikgeschmack sei festgefahren oder verlasse die „Hipster-Core-Kid“-Szene nur selten.

Deswegen startete der Mittwoch mit der dänischen Thrash-Metal-Formation PERSECUTOR – gemessen an ihren Hörerzahlen und Follower*innen auf Social Media ein echter Geheimtipp. Gemessen an der Stimmung vor der Wera Tool Rebel Stage und der musikalischen Qualität: einfach extrem unterschätzt.

Der moderne Touch mit melodischen Gitarren und fast schon Metalcore-artigen Elementen (juhu!) hat voll überzeugt! Als erste Band des Festivals bei durchgehend über 30 Grad und praller Sonne einzusteigen, ist keine einfache Aufgabe – verdienter Platz in meiner privaten Playlist!

Die KING NUGGET GANG – Boah! Party, Schabernack und eine erfolgreiche Formel angelehnt an Mittel Alta oder gar TBS. Es fällt mir schwer, das Genre genau zu beschreiben: Rap, Trap, Metalcore, Breakdowns? Was auch immer – es gab Dinos, köstliche Texte über Fastfood-Kultur und Bier, ein Feature von XoArmor (hört rein!), Moshpits und Crowdsurfing. Einfach ein Genuss! Ich hatte durchgehend ein Lächeln im Gesicht und den Drang, mich im Fotograben mitzubewegen. Absolute Empfehlung!

Fast schon zu erwarten, dass ich jetzt bei THE NARRATOR ins Schwärmen gerate: Moderner Metalcore/Post-Hardcore aus Essen, allerdings weniger kulinarisch als die King Nugget Gang – dafür nicht weniger mitreißend. Clean-Vocal-Passagen luden zum Mitsingen und Tanzen ein, Breakdowns zum Moshen! The Narrator haben sich innerhalb eines Jahres vollkommen verdient von der Campsite Circus Stage auf die T-Stage vorgearbeitet und wie im Vorjahr abgeliefert. Besucht eine Show, wenn ihr Mitsing- und Ohrwurmpotenzial sucht!

Meinen Summer Breeze-Mittwoch habe ich mit einer kleinen Wanderung zur Campsite Circus Stage und zwei weiteren Bands ausklingen lassen.

BACKSTABBED durfte ich vor einigen Jahren entdecken. Ich bediene hiermit natürlich ein weiteres Klischee, kann aber nicht aus meiner Haut: Hardcore, Two-Step, Crowdsurfing, Moshpit. Das Resultat: Unmengen an Staub und eine riesige Menschenmenge vor der kleinsten Bühne des Festivals. Backstabbed positionieren sich klar antifaschistisch sowie pro-LGBTQ+ und machen schlichtweg großartige Musik mit einer klaren Botschaft.

Ähnlich hoch im Kurs stehen bei mir WAVE LIKE WALLS aus Ingolstadt – ebenfalls eine Band, die ich schon länger verfolge und die noch viel zu oft übersehen wird. „Die deutschen The Ghost Inside“ trifft es ziemlich gut. Ausreichend Sing-Alongs, fette Breakdowns und genug musikalische Qualität, um die Jungs hoffentlich bald auf einer größeren Bühne wiederzusehen. Ein mehr als gelungener Abschluss meines ersten Tages!

Den Donnerstag eröffneten pünktlich zur Mittagsstunde OUR PROMISE auf der Main Stage. Opener-Slots um 12 Uhr mittags gelten oft als undankbar, da man als Band nie genau weiß, wie viel Publikum schon wach ist. Falls sich die Stuttgarter diese Sorgen gemacht haben, waren sie unbegründet: Dem Wetter und den Temperaturen zum Trotz leisteten sie hervorragende Überzeugungsarbeit. Mit zwei Sängern, die sich in nichts nachstehen, und eingängigen Songs kann man hier vollkommen zu Recht von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Wer auf Metalcore, Post-Hardcore und handwerklich gutes Songwriting steht, kommt voll auf seine Kosten.

FROM FALL TO SPRING teilten sich nicht nur die Main Stage, sondern auch das Konzept der zwei Sänger mit Our Promise. Ihr Genre bezeichnet die Band selbst als Nu-Metal. Linkin Park war einer der ersten Einflüsse, an die ich denken musste – keineswegs negativ, sondern als Kompliment gemeint. Die Songstrukturen, die Samples und der gezielte Einsatz von Synthesizern versprühten pure 2000er-Nu-Metal-Nostalgie. Ein absolutes Erfolgskonzept!

Deutlich härter, deutlich experimenteller, aber: Does it Djent? BROKEN BY THE SCREAM – ich wurde überwältigt, ohne zu wissen, was mich erwartet. Die vier Japanerinnen verkörpern J-Pop, kombiniert mit J-Deathcore und J-Djent. Ich habe bis jetzt keine Ahnung, in welches Genre man das Erlebte einordnen soll. Was ich aber weiß: Der Fotograben und das Publikum hatten die Zeit ihres Lebens! Die vier Frontfrauen standen klar im Fokus, während es sich beim Rest der Band vermutlich um Session-Musiker handelte. Das ist nicht per se schlecht, lässt aber kurz den Gedanken an ein durchgeplant einstudierte Konzept aufkommen (Industry-Plant?!). Der Erfolg gibt der Band jedoch recht: Musikalisch und showtechnisch war das überragend mit extrem hohem Unterhaltungswert!

Metalcore aus Down Under ist über die Jahre zu einem echten Qualitätsmerkmal geworden. NORTHLANE aus Sydney beweisen genau das. Unglaublich clean und druckvoll produziert, angereichert mit elektronischen Einflüssen – ein Paradebeispiel für modernen Metalcore und eine starke musikalische Weiterentwicklung. Kleiner Drummer-Nerd-Talk: Nic Pettersen ist eine absolute Maschine. Clean, musikalisch, gefühlvoll – sein Spiel wirkt nahezu perfekt! Selbiges gilt natürlich auch für seine Bandkollegen.

Nicht nur Australien, auch Skandinavien ist ein Garant für hochwertigen Metal. IMMINENCE erfreuen sich nicht ohne Grund einer riesigen Fanbase. Ihre Texte, ihr Bühnenbild und ihre Show haben das Summer Breeze tief bewegt. Eddie Berg beherrscht nicht nur den Gesang, sondern spielt nebenbei wie selbstverständlich Violine, was den unverkennbaren Sound der Schweden ausmacht. Sichtlich emotional und berührt ging das Konzert auch an mir nicht spurlos vorüber. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich die Show der Schweden auf ihrer anstehenden Tour (Januar 2027) keinesfalls entgehen lassen.

ALTA! Es wurde albern, es wurde spaßig, es wurde wild und voll: MITTEL ALTA! So gut besucht war die Wera Tool Rebel Stage wohl noch nie. Zumindest kam mir dieses Gerücht zu Ohren und ich glaube es aufs Wort! Es fällt schwer zu beschreiben, was wir dort erlebt haben. Im Endeffekt haben die werten Herren die Menge mit ihrem Minnesang verzaubert, während Unmengen an Crowdsurfern über das Meer aus Schaulustigen hinwegglitten. Ich habe selten so viele Crowdsurfer innerhalb der ersten drei Songs eines Konzertes gesehen! Mittel Alta werden uns auch nächstes Jahr wieder auf dem Summer Breeze beehren – dann hoffentlich auf einer größeren Bühne, um die versammelte Gefolgschaft gebührend zu unterhalten.

Mit FIT FOR AN AUTOPSY endete mein zweiter Tag: Deathcore, brutal, tief und dennoch eingängig. Auch die Ikonen aus New Jersey durfte ich bereits mehrmals live erleben und wurde erneut nicht enttäuscht.

Ganz klar: Das ist ein reines Breakdown-Fest und sicher nicht everybody’s cup of tea. Wer jedoch mit tief gestimmten Gitarren, schnellen Doublebass-Passagen und drosselnden Tempowechseln etwas anfangen kann, für den war das ein absoluter Pflichttermin!

Aufgrund der schieren Anzahl an Bands und Erlebnissen folgt demnächst Teil 2. Die Erfahrungen, Gedanken und Fotos zu den restlichen 13 Bands von Freitag und Samstag gibt es in Kürze! 🙂

Bericht & Fotos: Adrian Kappler